In einem besonderen Umfeld Alltagsnormalität leben

01. Oktober 2014

Ich werde häufig gefragt: Warum heißt jede Aktivität, die ihr den Bewohnern oder dementen Menschen in euren Pflegebereichen anbietet, gleich Therapie? Ist das nicht zu hoch gegriffen? Doch, sage ich, unsere verschiedenen Pflege- und Betreuungskonzepte haben durchaus therapeutischen Charakter und vor allem einen therapeutischen Nutzen, auch wenn sich manchmal ganz alltägliche Aktivitäten dahinter verbergen.

Warum ist das so? Für alte Menschen ist es besonders schwierig, sich auf neue Situationen einzustellen. Der Umzug in ein Altenheim oder auf eine Pflegestation ist für viele nicht vorstellbar. Sie fürchten sich vor Einschränkungen, vor den neuen Menschen und der neuen Wohnsituation. Sie verbinden damit den Gedanken, dass sie nun in eine letzte Lebensphase eintreten. Viele assoziieren damit sogar eine Endstation. Diesem Bild wollen unsere Häuser nicht entsprechen. Wir geben Hilfestellungen, sich in der neuen Situation zurechtzufinden und zeigen Möglichkeiten der sinnvollen Beschäftigung auf. Wir unterstützen, wo nötig, liebgewonnene Beschäftigungen fortzuführen oder sogar wieder aufzunehmen.

Die individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten der Menschen, kurz: ihre eigenen körperlichen und emotionalen Ressourcen, stehen bei uns im Mittelpunkt. Das Leben in einem Pflegebereich kann eine sehr künstliche Situation sein. Wenn wir den Bewohnern alle Tätigkeiten abnehmen, die diesen inzwischen sehr schwer fallen, entsteht ein Umfeld, das sich von einem normalen Leben unterscheidet. Auf einmal fallen die vielen kleinen Aufgaben weg, die den Tag bisher strukturiert haben. Eine Verschlimmerung von Verwirrtheitszuständen ist häufig die Folge.

 

Zukunftsorientierte Pflegebereiche haben das erkannt und entwickeln vielseitige Angebote, um das Leben im Pflegebereich an das gewohnte Leben der Bewohner anzupassen. Bei Menschen mit Demenz ist das ungleich schwieriger zu meistern, weil sie ihre Situation häufig nicht mehr beschreiben können. Depressive Verstimmungen bis hin zur Entwicklung von Unruhe, Aggressionen oder sogar einem Delir können die Folge sein. Zugewandte Kommunikation zwischen den Mitarbeitenden und den Bewohnern ist ein wesentlicher Faktor, um ihren Bedürfnissen und Gefühlen gerecht zu werden.

Mit unseren Therapieangeboten erreichen wir unsere Bewohner emotional in ihren aktuellen Lebenswelten. Wir begegnen Leidenszuständen und Verhaltensstörungen und fördern die Freude am Leben. Ein speziell auf den Umgang mit dementen Menschen ausgebildeter Hund besucht unsere Bewohner, weil der Umgang mit einem Tier viele schöne Erinnerungen weckt und darüber Kommunikation entstehen kann. Wir backen miteinander oder arbeiten in einem Garten, wo es möglich ist. Der Grund dafür ist, dass die alten Menschen in familiären Verbünden leben wollen. Die Berufstätigkeit und Arbeitsverdichtung bei der Kindergeneration ist jedoch so eng geworden, dass das früher so selbstverständliche „Mitlaufen“ von Familienmitgliedern häufig nicht mehr in der Familie abzufangen ist – insbesondere, wenn eine Demenz hinzukommt. Die heutigen Betreuungskonzepte zielen daher darauf ab, professionelle pflegerische Hilfe zu leisten, wo sie notwendig ist und gleichzeitig eine Lebensnormalität zu erhalten, in der eine vertraute Umgebung (Milieugestaltung) und vertraute Aktivitäten unter Hilfestellung zu einem zufriedenen Lebensgefühl verhelfen.

Auch wenn es „nur“ ein Hund ist, der unsere Bewohner besucht oder eine Clownin, die unsere Bewohner zum Lachen bringt, dann sprechen wir von „Therapie“. Aus dem Griechischen kommend steht das Wort für Dienst, Pflege, Heilung und bezeichnet Maßnahmen zur Behandlung von Krankheiten und Verletzungen. Viele unserer Angebote sind als Therapie anerkannt, denn die Erfolge sind sichtbar: Sie lassen alte oder demente Menschen am Leben teilhaben und holen sie damit aus einer Isolation, die sich unter anderem in eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit äußert.

Es geht auch darum, entstehende depressive Veränderungen zu lindern, und alle noch vorhandenen kommunikativen Möglichkeiten zu (re)aktivieren. Bei Menschen mit Demenz ist das besonders wichtig, weil jede Verunsicherung zu Angst und Aggressionen führen kann. Ziel unserer Therapiekonzepte sind die Vermeidung von Psychopharmaka und der Verzicht auf freiheitsentziehende Maßnahmen. Eine familiäre oder partnerschaftliche Beziehung können und wollen wir nicht ersetzen. Aber getragen von unserem christlichen Anspruch vermitteln wir unseren Bewohnern ein Zuhausegefühl – jeden Tag aufs Neue.