„Der ethischen Verantwortung bewusst sein“

05. Dezember 2018

Interview mit Dr. theol. Kurt W. Schmidt, Leiter ZEM – Zentrum für Ethik in der Medizin am AGAPLESION MARKUS KRANKENHAUS.

Herr Schmidt, Sie sind studierter Theologe und haben vor der Ordination zum Evangelischen Pfarrer auch in einer Kirchengemeinde praktiziert. Ihr Medizinstudium hingegen brachen Sie ab und sind heute Ethiker, der in vielen Bereichen aktiv ist. Wie kam es dazu?
Dr. theol. Kurt W. Schmidt:
Theologie und Medizin haben mich schon immer interessiert. Heute kann ich sagen, dass ich beide Disziplinen in einer für mich sehr bereichernden Form kennengelernt habe. Nach angeschlossenem Theologiestudium musste ich mein Medizinstudium aussetzen, weil das Vikariat in einer Kirchengemeinde anstand. Danach hatte ich die Chance, für zwölf Monate im Texas Medical Center in Houston (Texas) zu arbeiten, damals das größte Medical Center der Welt. Die US-Kollegen hatten bereits Ethik-Zentren, die ich dort erstmals kennenlernte. In Deutschland existierten solche Angebote seinerzeit noch nicht, aber sie übten eine große Faszination auf mich aus. Mein Doktorvater, der lange in den USA gelebt hatte, riet mir dazu, diese Einrichtungen kennenzulernen.

Warum?
Schmidt:
Damals war Ethik für mich eine philosophische Disziplin, die irgendwo unbestimmt „in den Wolken“ hing. Die US-Kollegen waren hier viel weiter und haben sie auf eine praktische Ebene heruntergebrochen: Es ging um „angewandte Ethik“ für medizinische Entscheidungskonflikte im Krankenhaus. Viele lebensrettende Innovationen im Bereich Intensivmedizin der 1950er und 60er Jahre wurden im angelsächsischen und amerikanischen Raum entwickelt. Schnell wurde klar, dass mit den Errungenschaften aber auch neue Probleme auftraten. Beispiel Dialyse: In Seattle gab es im Jahr 1961 die ersten Hämodialysemaschinen, aber weit mehr Nierenkranke, die dieser lebensrettenden Behandlung bedurften. Welche Patienten sollten nun ausgewählt werden und nach welchen Kriterien? Wer musste sterben? Die Ärzte steckten in einem Dilemma und mussten einen Weg für einen verantwortungsvollen und gerechten Umgang mit den begrenzten Möglichkeiten zu finden. Das ist der Hintergrund, warum sich in den USA aus diesen praktischen Fragen Ethik-Zentren und Ethik-Komitees entwickelt haben. Im Zuge des medizinischen Fortschritts haben sich die Fragestellungen dann rasend schnell potenziert.

Haben Sie die Idee erstmals nach Deutschland exportiert und etabliert?
Schmidt:
Nein, so stimmt das nicht. Zurück in Deutschland arbeitete ich erst einmal fünf Jahre an einem Institut für Technikfolgenabschätzung in Bad Oeynhausen, das sich u. a. mit den damals hoch aktuellen Fragen der Gentherapie beschäftigte. Von den damaligen Kollegen aus Medizin, Philosophie, Soziologie und IT habe ich viel gelernt im Hinblick auf interdisziplinäre Zusammenarbeit. Ich war der einzige Theologe an Bord und den Kontakt zu den Ethik-Zentren in den USA habe ich gehalten – bis heute. Mitte der 1990er Jahre gab es in Deutschland eine Handvoll Menschen, dazu zähle ich auch mich, die versucht haben, Elemente des amerikanischen Vorbilds auf deutsche Verhältnisse zu übertragen. Andere Kollegen kannten die Medizinethik oftmals auch aus Kursen der Georgetown-University in Washington.

Gegründet wurde das ZEM – Zentrum für Ethik in der Medizin im Jahr 1996 am damaligen St. Markus Krankenhaus, das sechs Jahre später zu den Gründungseinrichtungen der AGAPLESION gAG gehörte.
Schmidt: Richtig. Ich bin mit dem Zentrum aber nicht bei AGAPLESION angestellt, sondern bei der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau (EKHN). Dieses Kombination war und ist deutschlandweit einzigartig: eine kirchlich getragene Sonderstelle für Medizinethik, die direkt an ein Krankenhaus angebunden ist.

Wie beraten Sie die AGAPLESION FRANKFURTER DIAKONIE KLINIKEN?
Schmidt:
Mein Büro ist auf dem Gelände des AGAPLESION MARKUS KRANKENHAUS. Gemeinsam mit dem AGAPLESION BETHANIEN KRANKENHAUS gibt es ein Ethik-Komitee, dessen Vorsitzender ich bin. Zudem wurde ich gebeten, konzernweit den AGAPLESION Arbeitsbereich Ethik (AAB Ethik) zu leiten. Einmal im Jahr richten wir das AGAPLESION Ethik Forum aus, das für die Ethikbeauftragten und Vorsitzenden der Ethik-Komitees in allen AGAPLESION Einrichtungen gedacht ist; dazu kommen noch andere lokale Veranstaltungen wie der jährliche Pflegeethiktag, den wir zusammen mit Frau Mauritz als Pflegedirektorin im AGAPLESION MARKUS KRANEKNHAUS und Frau Soltau als Pflegedienstleitung durchführen. Eine tolle Unterstützung seit vielen Jahren! Um den Bezug zum Klinikalltag zu halten, begleite ich u.a. auch Visiten auf der Intensivstation. Hier geht es bei allen Beteiligten oftmals um existenzielle Fragen, die einer Klärung oder eines moderierten Gesprächs bedürfen. Gerade für Angehörige kann es eine Erleichterung sein, wenn Sie wissen, dass es in schwierigen Entscheidungssituationen Unterstützungsangebote gibt.

Ethik-Komitee, AAB Ethik und Pflegeethiktag – bitte stellen Sie die Angebote kurz vor.
Schmidt:
Im Ethik-Komitee besprechen wir aktuelle Themen und bieten den Stationen moderierte Fallbesprechungen mit Klinikpersonal und Angehörigen an. Meist befindet sich der Patient in einer Grenzsituation und ist nicht mehr in der Lage, für sich selbst zu sprechen, weil er künstlich beatmet wird oder kognitiv eingeschränkt ist. Am Behandlungsprozess beteiligte Klinikmitarbeiter und neutrale Moderatoren – einer davon bin ich – sprechen dann mit der Familie oder dem Patienten über Diagnose, Prognose und persönliche Werte des Patienten, um herauszufinden, wie der Patient entschieden hätte, wenn er bei diesem Gespräch hätte dabei sein können. Dabei entscheiden die Moderatoren nichts, sondern strukturieren den Gesprächsablauf. In der Regel sind die Angehörigen sehr dankbar für diese Unterstützung.

Neben dieser konkreten Arbeit am Krankenbett geht es im AGAPLESION Arbeitsbereich Ethik um grundsätzlichere Fragen. Derzeit wird der AAB Ethik inhaltlich und personell neu aufgestellt. Viele Jahre lang haben hier Vertreter verschiedener Einrichtungen sowohl aus dem Bereich Krankenhaus als auch Wohnen & Pflegen getagt und Handreichungen zu ethischen Fragestellungen erarbeitet, die Themen wie Organspende, Patientenverfügung oder den Umgang mit Glaubensgruppen betreffen, die Blutspenden verweigern. Die Themen kamen jeweils aus dem Alltag der Einrichtungen. Wir haben die ethischen Dimensionen und mögliche Lösungsvorschläge diskutiert, mit dem Vorstand abgestimmt und diese Handreichungen bei den jährlichen AGAPLESION Ethik Foren vorgestellt.

Der Frankfurter Pflegeethiktag fand in diesem Jahr zum 13. Mal im AGAPLESION MARKUS KRANKENHAUS statt. Hierzu eingeladen sind Pflegekräfte und -schüler sowie externe Referenten und Gäste. Es geht um ethische Themen, die die Mitarbeitenden direkt betreffen: Wie lässt sich moralischer Stress im Berufsalltag reduzieren? Wie kann ich eine kritische Situation deeskalieren? Wie kann ich als Pflegekraft bei Fragen der ethischen Entscheidungsfindung Hilfreiches beitragen? Die Pflegekräfte sind sehr nahe am Patienten und ihren Angehörigen und regen häufig die Unterstützungsangebote an.   

Auf welcher Grundlage moderieren Sie die Treffen des Ethik-Komitees?
Schmidt:
Auf Grundlage eines christlichen Menschenbildes. Der Patient steht im Mittelpunkt: Wir wollen in seinem Sinne entscheiden. Das bedeutet auch, dass wir respektieren, wenn er oder sie einem anderen Glauben oder einem anderen Kulturkreis angehört. Allerdings müssen alle Entscheidungen den gesetzlichen Vorgaben entsprechen.

Warum sind Ethik-Komitees hilfreich?
Schmidt:
Für Angehörige kann es eine große Belastung sein, im Sinne des Patienten zu handeln; insbesondere dann, wenn Unsicherheit herrscht und keine Patientenverfügung oder Informationen dazu vorliegen, wo der Betroffene für sich selbst die Grenzen der möglichen Behandlung sieht. Dazu kommt, wenn Diagnosen und Prognosen für Laien schwer einzuschätzen und nicht eindeutig sind. Doch Medizin ist keine „sichere“ Wissenschaft und selbst Experten können unterschiedlicher Meinung sein! Oder aber es gilt herauszufinden, ob der Patient seine Entscheidung voll informiert und frei getroffen hat. Stellen Sie sich vor, jemand meint, den Tod vorziehen zu müssen, weil er eigentlich „nur“ Angst vor Schmerzen hat. Vielleicht ist ihm schlicht nicht bekannt, dass es gute Möglichkeiten der Symptomkontrolle gibt. Dazu kommen menschliche Aspekte: Familien, die untereinander verstritten sind oder andere Sichtweisen als der Patient haben. Angehörige, die von den Ärzten fordern  „alles“ zu tun, obwohl für das Behandlungsteam klar ist, dass der Patient versterben wird. Dann gilt es dem nachzugehen, was dieses „Alles“ für den Angehörigen bedeutet und im Sinne des sterbenden Patienten zu vermitteln, ohne das Schuldgefühle zurückbleiben.

Wie häufig finden Ethische Fallbesprechungen statt?
Schmidt
: In einem Videobeitrag auf unserer Webseite sieht man, wie ein „klassisches“ Treffen verläuft (https://www.markus-krankenhaus.de/ihr-aufenthalt/ethik-komitee/). Ärzte, Pflegekräfte, Therapeuten, Seelsorger, Juristen, Angehörige – die Zusammensetzung variiert, aber jeder kommt zu Wort, damit ein umfassendes Meinungsbild entsteht und Hintergründe erklärt werden können. In dieser ausführlichen Form finden Ethische Fallbesprechungen pro Jahr etwa 15 bis 20 Mal statt. Es kommt auch vor, dass die Beteiligten bei Patienten mit wechselhaften Krankheitsverläufen auch mehrmals zusammenkommen.

Bei AGAPLESION gibt es sowohl das ZEM – Zentrum für Ethik in der Medizin als auch das zu 100 Prozent AGAPLESION zugehörige Institut für Theologie – Diakonie – Ethik. Der Begriff „Ethik“ kommt doppelt vor. Warum sind beide wichtig?
Schmidt:
Am Zentrum für Ethik und im Ethik-Komitee geht es um den direkten klinischen Bezug, um konkrete Einzelfälle und um Entscheidungen am Krankenbett. In unseren Handreichungen sprechen wir zwar häufig auch allgemeine Empfehlungen aus – aber sie resultieren immer aus Einzelfällen. Hingegen befasst sich das Institut Theologie – Diakonie- Ethik schwerpunktmäßig mit übergeordneten Fragen, die Auswirkungen auf ganz AGAPLESION und die diakonische Identität haben. Dazu gehören ethische Themen wie Schwangerschaftsabbruch oder die Vermittlung des diakonischen Gedankens, etwa im Führungskräftetraining. Wir sind aber auch vernetzt. Der Institutsleiter, Herr PD Pfarrer Dr. Holger Böckel, ist berufenes Mitglied des AAB Ethik; zuweilen gibt es bei uns thematische Überschneidungen, denn Handreichungen können auch Institutsthemen betreffen. Grundsätzlich sind unsere Arbeitsbereiche aber getrennt, zumal ich auch nur für Frankfurt zuständig bin und Herr Dr. Böckel konzernweit tätig ist.

Beschäftigen Sie sich auch mit ethischen Zukunftsfragen losgelöst vom Klinikalltag?
Schmidt:
Ja. Ich bin noch in unterschiedlichen anderen Gremien tätig. Ein Beispiel dafür ist die Bioethik-Kommission des Landes Rheinland-Pfalz. Vorsitzender ist der Minister der Justiz, Herbert Mertin. Die Kommission berät die Landesregierung frühzeitig über die ethische, soziale, rechtliche und wirtschaftliche Einordnung neuer Technologien und deren möglichen Auswirkungen. Erstmals wurde ich in das Gremium berufen und knüpft an meine frühere Arbeit in der Technikfolgenabschätzung an. Die Mitarbeit ist deshalb so interessant, weil es um moralisch-rechtliche Zukunftsfragen geht – aber die Zukunft ist aufgrund des medizinisch-technischen Fortschritts häufig schneller Realität, als man glaubt. Bislang hat das Land in Zusammenarbeit mit der Kommission Stellungnahmen zu Themen wie Fortpflanzungsmedizin, Sterbehilfe oder Gentechnologie herausgegeben. Derzeit beschäftigen wir uns mit CRISPR/Cas9, einer biochemischen Methode des sog. Genome Editing. Erbgut wird gezielt mit einer „Genschere“ zerschnitten, um Veränderungen zu erzielen. Das sehen wir etwa beim Genmais in der Landwirtschaft, robuster und angepasster als die Vorgänger. Forschungen mit Tieren laufen bereits, vor Kurzem ging die Nachricht um die Welt, dass ein Forscher in China gentechnische Eingriffe an zwei Babys unternommen haben soll.

Wo ist das Problem?
Schmidt
: Die Frage ist, wie weit wir gehen wollen, was ethisch vertretbar ist und welche ethischen Dilemmata sich auftun. Forscher stehen grundsätzlich in einer großen Verantwortung. Wir brauchen einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs, ob wir z.B. in die menschliche Keimbahn eingreifen dürfen. Auf der künstlerischen Ebene ist die Verantwortung von Forschern immer wieder thematisiert worden.

Denken Sie an den Schauerroman „Frankenstein“ von Mary Shelley aus dem Jahr 1818?
Schmidt:
Genau. Viktor Frankenstein hat in die Schöpfung eingegriffen und ein Geschöpf mit Herz und Verstand erschaffen. Doch er ließ es im Stich, weil ihn die Hässlichkeit abgestoßen hat, und er sich damit der Verantwortung für das von ihm geschaffene Wesen entzogen hat. Im Gegensatz zum Film aus dem Jahr 1931, in der Boris Karloff das Monster spielt, ist das Geschöpf im Roman keineswegs böse von Anfang an, sondern intelligent, eloquent und auf der Suche nach menschlicher Wärme. Aber es erfährt von nahezu allen Menschen, denen es begegnet, nur Ablehnung. Es wird zum Verstoßenen – und aus Wut und Rache schließlich zum Mörder. Das Thema, was es für ein Geschöpf bedeutet, nicht geliebt zu werden, gibt es in zahlreichen Variationen: Der aktuelle Film „Zoé“ mit Schauspieler Ewan McGregor über eine nahezu perfekte Roboterfrau, die ihre wahre Herkunft zunächst nicht kennt, verdeutlicht das Leiden, wenn man nicht um seiner selbst willen geliebt wird. Oder der Film über den Roboter „Der 200-Jahre-Mann“ mit Schauspieler Robin Williams, der sich nichts sehnlicher wünscht, als ein Mensch zu werden.

Wie bewerten Sie das Thema in Bezug auf Hier & Heute?
Schmidt:
Wir müssen uns klar darüber sein, dass unser Handeln stets Folgen hat. Das gilt für alle Lebensbereiche. Wie wir mit Kindern umgehen, was es bedeutet, Flüchtlinge auszugrenzen oder in die Schöpfung einzugreifen. Was ist möglich, was überfordert uns, was macht uns Angst? – Konsequenzen jedweder Art sind möglich. Einer Verantwortung können wir uns nicht entziehen. So kann man Frankensteins Monster auch als ein Beispiel für „gescheiterte Inklusion“ betrachten – diesen Bezug habe ich bei meinem Vortrag in der Evangelischen Akademie Frankfurt hergestellt, wo ich als Studienleiter für den Bereich Medizin & Ethik zuständig bin. Anlass war der 200. Jahrestag des Romans.

Ethische Fallbesprechung am AGAPLESION MARKUS KRANKENHAUS in Frankfurt mit Angehörigen, Ärzten, Pflegekräften, anderen Klinikmitarbeitenden und einem Moderator.

Dr. theol. Kurt W. Schmidt, Leiter ZEM – Zentrum für Ethik in der Medizin am AGAPLESION MARKUS KRANKENHAUS.