Entlassmanagement: Das „Danach“ schon ab der Aufnahme vorbereiten

19. Januar 2018

Was steckt hinter dem neuen, standardisierten Entlassmanagement? Wovon profitieren die Patienten? Darauf antwortet Dr. Bettina Beinhauer. Bei AGAPLESION leitet sie konzernweit das Medizincontrolling und hat die Krankenhäuser zusammen mit einer internen Arbeitsgruppe auf das standardisierte Entlassmanagement vorbereitet. Seit dem 1. Oktober 2017 muss es nach bestimmten Vorgaben ausgestaltet sein.

Welches Ziel hat das standardisierte Entlassmanagement?
Dr. Bettina Beinhauer: In multidisziplinärer Zusammenarbeit stellen Ärzte, Pflegekräfte, Therapeuten und bei Bedarf andere Berufsgruppen die Weichen für die bedarfsgerechte und zielgerichtete Anschlussversorgung des Patienten nach dem (teil)stationären Krankenhausaufenthalt oder nach dem Erhalt stationsäquivalenter Behandlungen.

Oftmals übernimmt der Sozialdienst die Koordination. Die Organisation der Zuständigkeiten und Arbeitsprozesse gestaltet jedes Krankenhaus einrichtungsspezifisch selbst aus. Die Inanspruchnahme ist für Patienten freiwillig. Grundlage ist der Rahmenvertrag über ein Entlassmanagement nach § 39 Abs. 1a Satz 9 SGB V.

Wovon profitiert der Patient?
Beinhauer:
Ein Krankenhausaufenthalt ist oftmals ein Ausnahmezustand und das „Danach“ erst recht eine Belastungsprobe. Gerade ältere und multimorbide Menschen sowie deren Angehörige stehen vor zahlreichen Herausforderungen, weil sie den Alltag und die Versorgung oftmals ganz neu organisieren müssen. Und das alles in kürzester Zeit!

Die Patienten benötigen bspw. einen Platz in einer Wohn- und Pflegeeinrichtung oder zumindest die Unterstützung durch einen ambulanten Pflegedienst oder Hilfsmittel wie einen Rollator. Aber wie geht das und wer hilft beim Beschaffen und Ausfüllen der Antragsformulare? Alleinstehende Berufstätige hingegen sind bspw. kurzzeitig auf Häusliche Krankenpflege angewiesen oder sind körperlich noch nicht dazu in der Verfassung, sich beim Hausarzt für die kommende Woche Medikamente verschreiben zu lassen, einen Facharzttermin auszumachen oder sich um eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu kümmern.

Selbst wenn Angehörige an der Seite der Patienten sind, ist die Kommunikation mit weiterbehandelnden Ärzten und Einrichtungen sowie den Kranken- und Pflegekassen auch für sie nicht einfach. Die Kontaktaufnahme und die Beschaffung der notwendigen Informationen erfordern Zeit, die aufgrund beruflicher und familiärer Anforderungen schwer aufzubringen ist.

Patienten und ihre Familien sind überfordert, der Stress ist enorm. Wer kann schon behördliche Antragsformulare problemlos ausfüllen? Wer weiß, wie man einen Pflegegrad oder ein Pflegebett beantragt? Oder für welche Leistungen man das Pflegegeld einsetzen kann? Und wer kennt die ambulanten Pflegedienste in der Region? Das Entlassmanagement sorgt für professionelle Unterstützung und Hilfestellungen.

Welche konkrete Unterstützung erhalten die Patienten?
Beinhauer: Das regelt der Rahmenvertrag. Ich nenne nur einige Beispiele: Das Krankenhaus klärt den Patienten bedarfsgerecht über geeignete Versorgungsmöglichkeiten und -strukturen der Anschlussversorgung auf.

Frühzeitig werden insbesondere Angehörige (oder gesetzliche Betreuer) eingebunden, sowie Weiterbehandler (wie Physio-, Ergo- und Logotherapeuten, Haus- und Fachärzte), Rehabilitationseinrichtungen und pflegerische Leistungserbringer (wie ambulante Pflegedienste und Pflegeheime) informiert.

Bei genehmigungspflichtigen Leistungen (wie der Bereitstellung eines Pflegebetts oder dem Antrag auf Feststellung der Pflegebedürftigkeit) nimmt das Krankenhaus zunächst Kontakt mit der Kranken- oder Pflegekasse auf, nach deren Zustimmung mit dem entsprechenden Leistungserbringer. Der Patient erhält die notwendigen Antragsunterlagen und wird unterstützt bei der Antragstellung sowie der Weiterleitung der Formulare ggf. an die Kranken- oder Pflegekasse.

Am Tag der Entlassung wird (mindestens ein vorläufiger) Entlassbrief ausgehändigt sowie ggf. ein Medikationsplan. Das Krankenhaus führt bei Bedarf rechtzeitig das Gespräch mit dem Arzt der Anschlussversorgung. Für Patienten mit einem komplexen Versorgungsbedarf wird ein zeitnaher Termin bei einem weiterbehandelnden Haus- oder Facharzt vereinbart. Arznei-, Verband-, Heil- und Hilfsmittel, häusliche Krankenpflege oder Soziotherapie sowie die Arbeitsunfähigkeit dürfen für bis zu sieben Tage verordnet werden – früher waren die Möglichkeiten (zeitlich) begrenzter.

Ist das Entlassmanagement neu?
Beinhauer:
Nicht grundsätzlich. Die meisten Krankenhäuser haben es schon vorher angeboten. Ein gutes Beispiel ist die Geriatrie. Hier war die Sicherstellung einer nachhaltigen Anschlussversorgung schon immer von besonderer Bedeutung, weil meist ein komplexer Versorgungsbedarf besteht.

Warum ist die Standardisierung wichtig?
Beinhauer:
Die Krankenhäuser müssen nun schriftliche und transparente Standards schaffen, die die multidisziplinäre Zusammenarbeit der Berufsgruppen im Krankenhaus klar beschreiben und Verantwortlichkeiten festlegen – das sorgt für einheitliche und verbindliche Qualitätskriterien.

Informationen zum notwendigen poststationären Versorgungsbedarf, zu einzuleitenden und bereits erledigten Maßnahmen werden im Entlassplan notiert. Dieses Dokument ist für alle an der Krankenhausbehandlung Beteiligten zugänglich – das sorgt für einen guten Informationsaustausch immer auf aktuellem Stand.

Grundsätzlich erhöht gerade die stetig wachsende Anzahl (hoch)betagter und alleinstehender Menschen den Bedarf an eine lückenlose und professionelle Anschlussversorgung. Nur so kann dem Drehtüreffekt entgegengewirkt werden – also der Wiedereinweisung von Patienten, weil nach der Entlassung gravierende Versorgungslücken auftauchen, die den Behandlungserfolg zunichtemachten.

Damit schafft das Entlassmanagement die Voraussetzungen sowohl für die Steigerung der Patientensicherheit und -zufriedenheit als auch für die Versorgungs- und Behandlungsqualität.

AGAPLESION Entlassmanagement