Karriere bei AGAPLESION: Mexikaner lieben Deutschland

07. Dezember 2018

AGAPLESION hat bei der Personalsuche ein neues Land entdeckt: Mexiko. Wieso, weshalb, warum? Das erklärt Katalin Bordi, Leitung Personalentwicklung & Bildungsmanagement, bei AGAPLESION.

Frau Bordi, bislang haben Sie vor allem in EU-Staaten wie Ungarn und Spanien nach Gesundheits- und Krankenpflegern gesucht. Dort kooperiert AGAPLESION auch mit Universtäten. Wie sind Sie jetzt auf Mexiko gekommen?

Katalin Bordi: Die Voraussetzungen für die Personalsuche in Mexiko sind sehr gut und auf offizieller Ebene angesiedelt. Das ist ganz wichtig und eine große Erleichterung. Die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit kooperiert eng mit der mexikanischen Arbeitsverwaltung. Im vergangenen Jahr fand die erste Informations- und Rekrutierungsveranstaltung der ZAV in Mexiko statt. Dort gilt Deutschland als wichtiger europäischer Partner. Viele Mexikaner lernen Deutsch und es bestehen gute Wirtschaftsbeziehungen. Im Sommer 2016 wurde sogar das Mexiko-Deutschland-Länderjahr ausgerufen. Im selben Jahr waren hierzulande laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit rund 4.500 Mexikaner sozialversicherungspflichtig beschäftigt.

Werden mexikanische Fachpflegekräfte nicht im eigenen Land benötigt?

Bordi: Mexiko bildet Gesundheits- und Krankenpfleger weit über den Bedarf aus. Die Betroffenen haben häufig mehrere Jobs, arbeiten tagsüber etwa im Krankenhaus und später im ambulanten Bereich. Doch die Arbeitsplätze sind oftmals nicht langfristig gesichert. Auf Dauer ist das sehr anstrengend. Die Fachpflegekräfte suchen auf der Webseite der mexikanischen Arbeitsverwaltung Servicio Nacional de Empleo (SNE) aktiv nach Kooperationen mit dem Ausland und erhoffen sich bessere Arbeitsbedingungen und geregelte Arbeitszeiten. Die USA stehen auf der Beliebtheitsskala nicht weit oben. Das liegt sowohl am Image des amerikanischen Gesundheitssystems als auch an der aktuellen Migrationspolitik.

Mit wem reisten Sie nach Mexiko?

Bordi: Zusammen mit den AGAPLESION Integrationskoordinatoren Veronica Candelario aus Frankfurt und Felix Vacek aus Darmstadt machte ich mich auf den Weg. Insgesamt waren wireine Woche lang in Mexiko City. Für drei unserer Einrichtungen suchten wir nach neuem Personal: für die AGAPLESION FRANKFURTER DIAKONIE KLINIKEN, das AGAPLESION ELISABETHENSTIFT DARMSTADT und das AGAPLESION EVANGELISCHES KRANKENHAUS MITTELHESSEN in Gießen. Begleitet wurden wir von zwei ZVA-Mitarbeitenden, die beide Spanisch sprechen – sie waren fast einen Monat in Mexiko City, da nach uns auch andere Unternehmen auf der Suche nach neuen Kollegen waren.

Was wussten Sie vom mexikanischen Gesundheitswesen?

Bordi: Im Vorfeld haben wir uns intensiv mit den ZAV-Kollegen ausgetauscht und auch selbst recherchiert. Die Kollegen stellten uns ihr Kooperationskonzept vor und gingen auch auf die Situation vor Ort ein. Und in Mexiko City schauten uns ein Krankenhaus an. Die Dimensionen sind riesig: 1.200 Betten, 1.900 Pflegekräfte und Massen an Menschen, sei es im Krankenhaus oder auf der Straße. Frankfurt wird den Bewerbern wie eine gemütliche Kleinstadt vorkommen.

Wie viele Kandidaten wählten Sie aus?

Bordi: Wir trafen 60 hochmotivierte Bewerber in der Vermittlungsagentur des mexikanischen Arbeitsministeriums. Die Agentur hatte im Vorfeld alles organisiert, angefangen bei der Ausschreibung auf der Homepage und in den Sozialen Medien. Von den Bewerbern wählten wir 21 aus, 17 Frauen und vier Männer zwischen 25 bis 33 Jahren: neun für Frankfurt und jeweils sechs für Darmstadt und Gießen. Eigentlich wollten wir nur 15 Bewerber aussuchen. Jetzt sind es mehr geworden, weil sie uns überzeugt haben. Da dies die erste Kooperation mit Mexiko ist, wollten wir nicht mit einer zu großen Anzahl starten.

Wie liefen die Bewerbungsgespräche ab?

Bordi: Zunächst informierte die ZAV die Bewerber über das Projekt und über die Rahmenbedingungen. Danach stellten wir uns als Arbeitgeber vor und beantworteten gefühlt 1.000 Fragen. Von Deutschland waren die Bewerber total begeistert, sie haben ein völlig idealisiertes Bild. Auf Nachfrage, was sie bei uns vermissen würden, antworteten sie: das Essen. In Einzelgesprächen hinterfragten wir ihre Motivation, fachliche Eignung und Erfahrung. Hier war hilfreich, dass sowohl ich als auch der Darmstädter Kollege Gesundheits- und Krankenpfleger sind. Gerade beim Auslandsrecruiting ist wichtig, dass alle möglichst genau wissen, was auf sie zukommt. Denn sowohl für uns als auch für die Bewerber ist der Wechsel mit Risiken verbunden.

Inwiefern?

Bordi: Wir möchten vermeiden, dass sich die Bewerber falsche Vorstellungen machen und quasi sofort nach Ankunft in Deutschland einen Rückzieher machen – immerhin investieren auch wir vorab Zeit und Geld. Meist springen ohnehin 10 bis 20 Prozent aus unterschiedlichen Gründen ab, das ist aber ganz normal. Doch auch die Mexikaner leisten enorme Vorarbeit: Bevor sie zu uns kommen, absolvieren sie ab Januar 2019 in Mexiko City einen sechsmonatigen Deutschkurs an einer Sprachschule, den AGAPLESION bezahlt. Für den am Tag mehrstündigen Unterricht müssen manche umziehen, den Job wechseln oder die Arbeitsstunden reduzieren. Hierbei unterstützen wir sie finanziell nicht. Später kommen wir aber für die Flug- und Reisekosten auf und geben vor Ort viele Hilfestellungen. Allerdings muss man sagen: Viele Mexikaner wollen unbedingt ins Ausland, haben dafür gespart oder werden von ihren Familien unterstützt. Mit dem verdienten Geld unterstützen sie häufig die Daheimgebliebenen.

Können die Pflegefachkräfte sofort bei uns anfangen, sobald sie Deutsch sprechen?

Bordi: Nein. Noch in Mexiko müssen sie das Sprachlevel B1 erreichen, damit sie bei uns am 1. August 2019 überhaupt als – zunächst – Pflegehilfskräfte starten können. Die nächste Herausforderung: Anders als in Deutschland absolviert man in dem südamerikanischen Land ein Studium, um in der Gesundheits- und Krankenpflege zu arbeiten. Dieses Studium muss in Deutschland anerkannt werden, sprich: Ausländer müssen nachweisen, dass sie die nötigen Theorie- und Praxisstunden mitbringen. Hierzu müssen sie sechs bis sieben Dokumente vorlegen – angefangen von Geburtsurkunde bis hin zum Diplomzeugnis und der genauen Aufstellung der Theorie- und Praxisstunden. Doch die Dokumente liegen nicht immer in der von Deutschland geforderten Form vor. Diese und andere Unterschiede im Vergleich zur deutschen Ausbildung führen dazu, dass das Regierungspräsidium nur einen Teilanerkennungsbescheid ausstellt – die Pflegekräfte müssen zusätzlich eine Kenntnisprüfung absolvieren, die eine deutsche Pflegeschule abnimmt. Erst dann erfolgt die berufliche Anerkennung als Gesundheits- und Krankenpfleger. Wir sind optimistisch, dass wir mit der Unterstützung der Arbeitsagentur und des hessischen Regierungspräsidiums alle Hürden nehmen, obwohl Mexiko für alle Neuland ist.

In Deutschland erhalten die Mexikaner vielfältige Unterstützung – welche?

Bordi: Hier sind vor allem die AGAPLESION Integrationsbeauftragten und -koordinatoren der Einrichtungen zu nennen. Sie halten bereits Kontakt mit den Bewerbern, holen sie am Flughafen ab, unterstützen sie bei der Wohnungssuche, bei Behördengängen, bei der Suche nach weiterführenden Sprachkursen und haben immer ein offenes Ohr für Sorgen und Nöte. Außerdem bieten wir den Mexikanern mehrwöchige, kostenlose Vorbereitungslehrgänge für die Kenntnisprüfung an.

Freuen sich die Teams auf die neuen mexikanischen Kollegen?

Bordi: Viele Teams sind schon jetzt multikulturell geprägt. Neue Kollegen mit einem neuen Hintergrund, die hier und da noch dazu sprachliche Defizite mitbringen und unser Gesundheitswesen noch nicht richtig kennen, sind insbesondere am Anfang natürlich eine Herausforderung. Darum informieren wir die Teams frühzeitig; hier sind insbesondere die Stationsleitungen gefragt, um mögliche Spannungen zu erkennen und zu klären. Bei Konfliktgesprächen setzen sich alle an einen Tisch: die Betroffenen, Stations- und Pflegedienstleitung. Außerdem bieten wir Teambildungsmaßnahmen. Ich kennen viele ausländische Mitarbeitende, die sich hier sehr wohl fühlen und schon seit vielen Jahren oder Jahrzehnten bei uns arbeiten. Das Gesundheitssystem ist ohnehin einer hohen Fluktuation ausgesetzt, dazu kommt der Fachkräftemangel – daher wissen alle, dass wir auf Neueinstellungen angewiesen sind.

Wie viele Integrationsbeauftragte und -koordinatoren hat AGAPLESION?

Bordi: Noch nicht sehr viele, aber der Bedarf steigt. Ich habe kürzlich eine regelmäßige Telefonkonferenz mit allen Projektkoordinatoren ins Leben gerufen, damit sich die Einrichtungen austauschen und voneinander lernen können. Das ist der Vorteil in einem großen Verbund: Wir sammeln Erfahrungen mit dem Recruiting in Mexiko und an anderen Standorten wie in Bosnien, Vietnam, China oder auf den Philippinen. Jedes Land hat andere Voraussetzungen und die Vielfalt an Vermittlungsagenturen ist riesig – sie müssen einer genauen Prüfung unterzogen werden. Auch gute Strukturen in unseren Einrichtungen sind entscheidend, um den neuen Kollegen dabei zu helfen, in Deutschland anzukommen und lange bei uns zu bleiben.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Beim Gespräch mit einer Bewerberin in Mexiko City: Katalin Bordi (l.), Referentin Internationales Recruiting & Personalentwicklung, von AGAPLESION, und Verónica Candelario, Integrationsbeauftragte der AGAPLESION FRANKFURTER DIAKONIE KLINIKEN.