Neues Institut stärkt christliche Identität

21. Dezember 2016

Das AGAPLESION Institut für Theologie – Diakonie – Ethik hat zum 1. Oktober seine Arbeit aufgenommen. Der Leiter PD Dr. Böckel spricht über die Aufgabenbereiche und Ziele.

Herr Böckel, wie sieht Ihr Alltag gerade aus?

PD Dr. Holger Böckel: Zurzeit reise ich viel und schaue mir die Einrichtungen vor Ort an. So treffe ich nach und nach meine Kollegen aus den Bereichen Seelsorge und Ethik, Mitarbeitende anderer Berufsgruppen und natürlich die Gesellschafter. Ich war über zehn Jahre Hochschulpfarrer der Evangelischen Studierendengemeinde Gießen (ESG). Aus dieser Zeit kenne ich auch die Seelsorgerin, die für das AGAPLESION HAUS SAMARIA HOSPIZ und das AGA-PLESION EVANGELISCHES KRANKENHAUS MITTELHESSEN zuständig ist. In Gießen wohne ich nach wie vor.

Welche Schwerpunkte machen Ihre Arbeit aus?

Böckel: Ich berate den Vorstand in theologischen, diakonischen und ethischen Fragen und entwickle die Tradition der Einrichtungen und der diakonischen Identität von AGAPLESION weiter, gemeinsam mit den Gesellschaftern vor Ort. Außerdem will ich die Vernetzung mit den Kirchen und mit den Diakonischen Werken fördern.

Wie wollen Sie das Institut aufstellen?

Böckel: Ich habe vier Aufgabenbereiche abgesteckt, die künftig konkretisiert und angepasst werden: diakonische Kompetenz, Spiritualität, Seelsorge und Ethik.

Diakonische Kompetenz betrifft sowohl die Mitarbeitenden als auch die Führungskräfte. Damit gemeint ist die Fähigkeit, dass wir ganzheitlich denken. Wir haben also sowohl Körper als auch Seele, sowohl Heilung als auch Heil im Blick. Fort- und Weiterbildungen mit Werteworkshops können dabei helfen, dass wir diese Kompetenz auf eine gemeinsame Basis stellen. Die Seelsorger und Ethikbeauftragten vor Ort sind wichtige Partner. Sie können mir mitteilen, welche Themen in ihren Einrichtungen relevant sind und welche Hilfestellungen und Impulse die Kollegen benötigen. Was wir schon strukturell verankert haben, ist das Führungskräftetraining. Hier werde ich mir den Bereich Wertemanagement genauer anschauen. Die Förderung der diakonischen Kompetenz bietet Schnittpunkte mit der Personalentwicklung.

Spiritualität ist das Jahresthema 2017. Sie ist die Voraussetzung für diakonische Kompetenz: Nur wer einen Zugang zu seiner Spiritualität hat, kann tätige Nächstenliebe leben. Ich definiere den Begriff recht breit. Vor-religiöse Spiritualität („Suche nach innerer Resonanz“) ist eher unspezifisch; diese Menschen erfahren die Natur, Yoga oder eine bestimmte Ernährungsweise als spirituelle Kraftquelle, ohne mit der Tradition tief verwurzelt zu sein. Hingegen weisen Traditionsgemeinschaften eine verbindende religiöse Spiritualität auf. Das, was sie erleben, reflektieren sie in einem bestimmten und gemeinsamen Deutungszusammenhang. Christliche Spiritualität wiederum gründet sehr spezifisch auf unserem christlichen Glauben.

Die Unterscheidung des Begriffs Spiritualität klingt ein wenig theoretisch.

Böckel: Das mag auf den ersten Blick so sein. Doch in unserer säkularen Welt ist es ja nicht so, dass jeder Mensch christlich geprägt ist. Insofern ist es gut, wenn wir wissen, dass wir es mit Mitarbeitenden, Patienten und Bewohnern unterschiedlicher spiritueller Herkunft zu tun haben, die sich unterschiedliche Angebote und Ansprachen wünschen. Stichworte sind bspw. Spiritual Care oder Spirituelle Anamnese im Bereich Palliativmedizin. Auch Sterbebegleitung ist in Politik und Gesellschaft noch nicht genügend verankert und wird noch nicht ausreichend gefördert. Die Unterscheidung prägt natürlich auch unsere Seelsorgekonzepte, Andachten, Gottesdienste, Gebetsräume usw.

Welche Schwerpunkte wollen Sie in den Bereichen Seelsorge und Ethik setzen?

Böckel: Bei AGAPLESION verfügen beide Bereiche bereits über sehr gute Strukturen. Der Austausch in den Arbeitsbereichen (AAB) und mit dem Zentrum für Ethik in der Medizin (ZEM) ist sehr gut. Der AAB Seelsorge steht künftig unter meiner Leitung, dem AAB Ethik gehöre ich als berufenes Mitglied an. Für beide Bereiche möchte ich konzernweit passgenaue Formate und Angebote entwickeln. Dafür spielen natürlich diakonische Kompetenz und die Spiritualität eine große Rolle.

Welche Art des Zusammenarbeitens würden Sie sich für unsere 19.000 Mitarbeitenden wünschen?

Böckel: Ich fände es schön, wenn wir es schaffen, in den einzelnen Einrichtungen so etwas wie ein Gemeindeleben zu entfalten. Das mag erstmal ungewöhnlich klingen. Doch Christsein ist eine Haltung und hört nicht auf, wenn ich morgens meine Haustür zuziehe. Der Glaube sollte alle Lebensbereiche umfassen und nicht speziellen Segmenten zugeordnet werden. Christ ist man sowohl im privaten Alltag als auch am Arbeitsplatz. In unseren Einrichtungen ist schon alles angelegt, was wir in einer Kirchengemeinde vorfinden, bspw. Seelsorger, Gottesdienste und ehrenamtliches Engagement. Diesen Ansatz möchte ich gern stärken. Er knüpft an die diakonische Tradition der Einrichtungen an.

Sie waren u.a. Hochschulpfarrer, Lehrbeauftragter und haben Theologie studiert; sie besitzen ebenfalls profunde Kenntnisse in der Organisationsethik und im evangelischen Führungsverständnis. Was genau heißt das?

Böckel: Mit den Themen beschäftige ich mich in meinem Arbeitsleben schon lange, habe mich in dem Bereich weiterbildet, habe geforscht und promoviert. Meine Habilitation aus dem Jahr 2014 trägt den Titel „Leiten und Führen. Dimensionen eines evangelischen Führungsverständnisses“.

Bitte erläutern Sie Ihr Verständnis von Führung.

Böckel: Ich begreife Führung nach dem Vorbild Jesu als Dienst (Servant Leadership): Führungskräfte sollen die Mitarbeitenden dazu befähigen, ihre Aufgaben besser zu erfüllen. Sie tragen ein hohes Maß an Verantwortung und müssen das Organisationsziel im Blick behalten (normatives Management). Dies greift das AGAPLESION Leitbild auf. Führungskräfte müssen sich aber auch orientieren an den „Kunden“ außerhalb des Konzerns, bei uns sind das Patienten und Bewohner. Deren Wohl steht im Fokus. Alle Entscheidungen, die getroffen werden, müssen auf diesem Hintergrund reflektiert werden. Führung bedeutet auch Intervention. Zum einen gibt es Situationen, in denen schnell entschieden und gehandelt werden muss, bspw. in Krisen und Notsituationen. Zum anderen ist es auch wichtig, Menschen, für die man als Führungskraft die Verantwortung trägt, mitzunehmen und gemeinsam Entscheidungen zu reflektieren.

Was hat Sie daran gereizt, das direkte kirchliche Umfeld zu verlassen und zu einem Gesundheitskonzern zu wechseln?

Böckel: Tatsächlich sind ein Krankenhaus oder eine Wohn- und Pflegeeinrichtung auf den ersten Blick keine klassischen Orte, an denen die christliche Botschaft weitergegeben wird. Aber gerade hier sind Menschen in Grenzsituationen, und manche von ihnen sehnen sich nach seelsorgerischem Beistand. Ein Patient, ein Bewohner oder ein Hospizgast, die eine längere Zeitspanne bei uns verbringen, können sich existenziellen Fragen ausgesetzt fühlen, für deren Bearbeitung sie professionelle Hilfe benötigen. Insbesondere diakonisch geprägte Einrichtungen wie AGAPLESION messen diesem Angebot einen hohen Stellenwert bei. Ich finde diesen Kontrast spannend.

Sehen Sie einen Unterschied zwischen christlichen und nicht-christlichen Gesundheitseinrichtungen?

Böckel: Für mich liegt der Unterschied darin, dass christliche Einrichtungen die Motivation kennen, auf deren Grundlage sie arbeiten. Sie wissen, dass sie Jesu Beispiel folgen und sich darum um ihre Mitmenschen bemühen. Diakonie ist tätige Nächstenliebe. Diese Tradition hat auch unsere säkulare Gesellschaft geprägt, denken Sie etwa an unseren Sozialstaat und unsere Gesetzgebung. Wer weiß, was er tut und warum, und diesen Gedanken institutionell verankert, stellt die Weichen für Kontinuität und Fortbestand.

Insofern ist es für christliche Einrichtungen eine Aufgabe und Herausforderung, den Gedanken an tätige Nächstenliebe im Alltag einzupflanzen und nicht aus den Augen zu verlieren. Der moralische Anspruch an dieser Stelle ist natürlich hoch, aber wir dürfen uns auch nicht überfordern. Barmherzigkeit ist für mich in diesem Zusammenhang wichtig, weil sie ein Gegenmittel zur Überforderung sein kann: Sie ist die menschliche Komponente, die aus dem Herzen kommt, und ohne die Nächstenliebe gar nicht möglich ist.

Böckel, Holger: Einführung in die Wirtschafts- und Unternehmensethik. Begründung aus ihren kulturellen, religiösen und ökonomischen Wurzeln. Ein Lehrbuch. EB-Verlag, Berlin (2015), 209 S.

Böckel, Holger: Führen und Leiten. Dimensionen eines evangelischen Führungsverständnisses. Ein Handbuch. EB-Verlag, Berlin (2., überarbeitete und aktualisierte Auflage 2016), 791 S.

Böckel, Holger: Grundlagen der Führung in kirchlichen-diakonischen Netzwerken. Praktisch-theologische Perspektiven auf dem Weg zu einer integrierten Netzwerktheorie. In: Vielfältige Vernetzung. Hinauswachsen aus der Großkirche. Wolfgang Nethöfel, Holger Böckel, Steffen Merle (Hg.). Netzwerk Kirche, Band 7, S. 77-165, EB-Verlag, Berlin (2016).

PD Pfr. Dr. theol. habil. Holger Böckel, ab 1. Oktober Leiter AGAPLESION Institut für Theologie – Diakonie – Ethik