Krebsdiagnose: Wie gehe ich damit um? Wo erhalte ich Unterstützung?

Was sind Ihre Aufgaben im Klinikalltag als Psychoonkologin?

Claudia Gutmann: Zunächst bieten wir Ersthilfe, wir sind so etwas wie ein psychologischer Rettungsdienst im Krankenhaus. Die Ärzte rufen teilweise direkt aus dem Patientengespräch an, weil die oder der Betroffene zum Beispiel nicht mehr aufhört zu weinen. Bei uns melden sich aber auch Menschen mit einer frischen Krebsdiagnose, die einen Beratungstermin vereinbaren wollen und dann am Telefon sofort versorgt werden müssen. Langfristig betrachtet wollen wir Zuversicht stärken. Natürlich gibt es ein Risiko, dass die Krankheit fortschreitet und man daran sterben könnte, aber es gibt auch ein Leben mit der Krankheit. Auch für Notfälle nach einer erfolgreichen Behandlung sind wir da, etwa wenn die Angst wieder durchbricht. Eine junge Mutter zum Beispiel, die nach Behandlung stabil war, bekam einen starken Husten, der gar nichts mit ihrer Krebserkrankung zu tun hatte, aber sofort Todesangst auslöste.

Wie läuft das erste Gespräch mit Ihnen ab?

Claudia Gutmann: Wir machen erst einmal ein Clearing, gehen also der Frage nach, ob der Mensch schon mit einer psychischen Vorerkrankung zu uns kommt. Und dann hören wir erst einmal zu und fragen, was sie oder er braucht, um die Energie für die anstehende Behandlung aufwenden zu können. Das können Strategien sein, wie man besser mit der Angst umgehen kann, damit diese sich nicht verfestigt. Patienten mit körperlichen Beschwerden hingegen bringen wir bei, sich nicht mehr so stark auf den Schmerz zu fokussieren.

Heftige emotionale Reaktionen sind bei einer Krebsdiagnose zunächst  normal

Wieso erhalte ich als Krebspatient bei Ihnen eine Beratung und keine Psychotherapie?

Claudia Gutmann: Wir sprechen von einem Beratungsangebot und nicht von Psychotherapie, weil wir es in der Regel mit psychisch kerngesunden Menschen zu tun haben, die plötzlich von einem lebensbedrohlichen Ereignis getroffen werden. Dass nach einer Krebsdiagnose heftige emotionale Reaktionen auftreten, ist zunächst ganz normal. In dieser Phase bieten wir Unterstützung. Es geht darum, eine psychische Erkrankung, die behandelt werden muss, zu vermeiden. Merken wir in der Beratung, dass die Symptome nicht nachlassen oder sich sogar verschlimmern, bemühen wir unser Netzwerk und verweisen an einen niedergelassenen Therapeuten.

Wie lange begleiten Sie die Patienten?

Claudia Gutmann: Im Schnitt versorgen wir Patienten mit drei Terminen. Wir haben viele Erstkontakte, wo es nach einem emotionalen Ausbruch zunächst darum geht, einen Bedarf abzuklären. Aber nur weil jemand weint, heißt das nicht, dass er oder sie es nicht schafft, mit der Erkrankung gut klarzukommen. Vielleicht handelt es sich einfach um einen sehr emotionalen Menschen. Bei schwierigen Verläufen oder Menschen, die schwerstkrank oder sehr jung sind, braucht es oftmals mehr als zehn Termine. Sie sind nicht selten von der Chemo- bis zur Strahlentherapie bis zu einem Jahr in Behandlung. In manchen Fällen müssen wir leider auch als Sterbebegleiter helfen.

Sie bieten auch Paar- und Familienberatungen an. Warum?

Claudia Gutmann: Ist ein Familienmitglied oder ein Partner schwer erkrankt, belastet das meistens auch die Liebsten. Kindern die Krankheit Krebs zu erklären fällt vielen Menschen sehr schwer, ist aber extrem wichtig – hier bieten wir gerne unsere Unterstützung an. Manchmal hat die oder der Erkrankte selbst auch eine sehr gute Bewältigungsstrategie und braucht gar keine Beratung, sondern der Partner.

Was können die behandelnden Ärzte zur Stabilität der Patienten beitragen?

Claudia Gutmann: Es hilft bereits, wenn Ärzte die Diagnose so mitteilen, dass sie nicht zu traumatisierend für die Patienten ist. Je besser das medizinische Personal psychologisch geschult ist, desto weniger psychologische Beratung braucht es im Nachhinein. Ein Ziel unserer Arbeit als Psychoonkologen ist es daher, dafür zu sorgen, dass die Ärzte ein Stück weit zu Psychologen werden.

Wie wichtig ist eine gute psychische Verfassung für die Behandlung?

Claudia Gutmann: Es gibt bislang keine wissenschaftlich validen Daten, dass eine gute psychologische Konstitution Einfluss auf den körperlichen Krankheitsverlauf bei Krebs hat. Was wir aber sagen können: Patienten, die an Krebs erkrankt sind, haben aber eine höhere Lebensqualität, wenn sie psychologische Unterstützung erfahren. Sie kommen besser durch die Therapien, leiden weniger unter Nebenwirkungen wie zum Beispiel Übelkeit.

Viele Patienten machen sich Vorwürfe, dass sie nicht genug gewollt haben

Also ist es falsch, wenn im persönlichen Kampf gegen den Krebs gerne ein starker Wille und positives Denken beschworen wird?

Claudia Gutmann: Stress und Angst haben einen negativen Einfluss auf unser Immunsystem und unser Wohlbefinden, da sind Entspannung und eine positive Einstellung natürlich die bessere Option. Aber um es noch einmal ganz klar zu sagen: Krebs ist eine schwerwiegende körperliche Erkrankung und keine psychosomatische! Die populäre These, dass es nur genügend Willen im Kampf gegen den Krebs braucht, ist für viele Menschen ein attraktiver Schutzmechanismus, aber auch ein gefährlicher: Wenn sich dann der Verlauf einer Krankheit verschlechtert, machen sich die Patienten selbst Vorwürfe, dass sie eine Gesundung nicht genug gewollt haben, nicht gekämpft haben. Das ist furchtbar.

Welche Einstellung empfehlen Sie?

Claudia Gutmann: In kleinen Schritten zu denken. Viele stehen vor einem riesigen Berg von Problemen und fragen sich, wie sie so eine Herausforderung meistern sollen. Aber die Wege entstehen beim Gehen. Und es ist für mich immer noch beeindruckend zu sehen, wie viele Menschen während ihrer Erkrankung über sich hinauswachsen. Viele Patienten beschreiben die Zeit als Reifungsprozess und sagen, dass sie seitdem bewusster leben. Das soll keine Beschönigung von Krebs sein, aber wieso sollte nicht selbst in einer furchtbaren Krankheit wenigstens etwas Positives stecken.

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